Carola Lautenschläger: Waldensergeschichte bewahren und weitergeben

Daniel-Bonin-Straße 7, 64372 Ober-Ramstadt

Bereits auf dem Weg zum Museum der Waldensergemeinde Rohrbach gibt es einige Hinweise auf die lange Geschichte der Waldenser in den Ober-Ramstädter Stadtteilen Rohrbach, Wembach und Hahn. 

Bereits auf dem Weg zum Museum der Waldensergemeinde Rohrbach gibt es einige Hinweise auf die lange Geschichte der Waldenser in den Ober-Ramstädter Stadtteilen Rohrbach, Wembach und Hahn. Manches fällt zunächst nur dem kundigen Besucher auf, so wie der Name der „Pragelatostraße, die Wembach und Rohrbach verbindet. Sie ist nach dem französischen Herkunftsort der heute in Ober-Ramstadt lebenden Waldenser benannt. 
Über dem Portal der kleinen, schlichten Kirche der nächste Hinweis: „Lux lucet in tenebris“ (Das Licht leuchtet in der Finsternis) steht dort geschrieben. Nur wenige Meter entfernt weist eine Stele den Weg zum benachbarten Waldenser-Museum. Carola Lautenschläger wartet dort bereits und steigt nach einer herzlichen Begrüßung sofort in ihre Familienhistorie ein.
„Da das Museum nicht immer offen ist, war es uns sehr wichtig, Informationstafeln zu errichten, die geschichtsinteressierten Menschen einen Überblick über die Waldenser und einige ihrer persönlichen Schicksale liefern“, erzählt die zierliche Frau, während sie die Tür zum Museum aufschließt.
2011 wurde die kleine Galerie nach langer Vorbereitungszeit eröffnet; für Carola Lautenschläger erfüllte sich damals ein Herzenswunsch. Zwar gilt die Sechzigjährige als Ideengeberin und ist unermüdlich bestrebt, die Erinnerung an die Vorfahren der Waldenser zu bewahren und dafür zu sorgen, dass die mittelalterliche Reformbewegung bis heute fortbesteht. 
„Das ist aber nicht allein mein Verdienst, sondern eine Gemeinschaftsleistung“, betont Lautenschläger. „Die Nachfahren der Waldenserfamilien, die 1699 auf den landgräflichen Höfen in Rohrbach, Wembach und Hahn eine Kolonie gründeten, haben gemeinsam dazu beigetragen, ihren Ahnen ein würdiges Andenken zu bereiten.“ Und nicht nur das: Die Mitglieder der Waldensergemeinde leben nach wie vor im Sinne der Reformer und pflegen die Verbindung nach Pragela (italienisch „Pragelato“) in den Kottischen Alpen.
Von dort aus machten sich die Waldenser im 17. Jahrhundert auf einen langen, beschwerlichen Weg ins Exil. Unter der Regentschaft Ludwig XIV. wurde die Glaubensgemeinschaft, die eine Diskrepanz zwischen dem Bibelwort und dessen Auslegung durch die katholische Kirche sah, verfolgt. Den Gläubigen aus Pragela blieb schließlich nur die Flucht, die 48 Waldenserfamilien in die heutigen Stadtteile von Ober-Ramstadt führte, wo sie eine neue Heimat fanden.
Wenn Carola Lautenschläger von dem Weg spricht, den ihre Vorfahren im doppelten Wortsinn gegangen sind, ist es fast, als wäre sie selbst dabei gewesen. In ihren Erzählungen schwingt eine Mischung aus Stolz und Ehrfurcht vor dem tiefen Glauben und der unbeirrbaren Überzeugung ihrer Ahnen. Zu besonderen Anlässen trägt Carola Lautenschläger deshalb - ganz selbstverständlich und selbstbewusst - die traditionelle Tracht der Waldenser. So auch bei der Präsentation des Museums-Projekts, das vom Regionalmanagement des Landkreises gefördert wurde.
„Die Geschichte und der Weg unserer Vorfahren wirkt bis in die heutige Zeit“, sagt sie. Die Waldenser haben einen bedeutenden Teil zum Ortsbild und zum gesellschaftlich-kulturellen Leben beigetragen. Ihre so bescheidene wie standhafte und aufrechte Art spiegelt sich nun in dem kleinen Museum in Rohrbach, das in den 1800 Kilometer langen Waldenser-Pfad eingebettet ist. 
Die Gestaltung des Museums – vom Aufbau der Historie über die farbliche Gestaltung und die Ausarbeitung der Texte bis zu den Exponaten – wurde sorgfältig erarbeitet. Der Beirat der deutschen Waldenser-Vereinigung stand beratend zur Seite. Die Text- und Bildtafeln des Museums sind in den Kirchenfarben gehalten, ein Diorama veranschaulicht, wie die Waldensergemeinde in vergangenen Jahrhunderten lebte. Die Bestattungsformen werden ebenso dargestellt, wie die Handarbeit. Letzteres ist eine Besonderheit, denn das Spinnen und Weben mit Hanf und Leinen gehörte zu den außergewöhnlichen Fähigkeiten der Gemeindemitglieder. Ein Strumpfwirkstuhl, den das Museum in Rohrbach für zehn Jahre als Leihgabe aus dem Thüringischen Zeulenroda bekam, zählt zu den imposantesten Ausstellungsstücken.
Nachdem die Bezuschussung des Projekts bewilligt worden war, machte sich das Team um Carola Lautenschläger an eine Bestandsaufnahme der Familien, die vor Jahrhunderten in Rohrbach, Wembach und Hahn ein Domizil fanden. Dies erforderte eine große Rechercheleistung. Daniel Bonin, Namensgeber der Straße, in der das Waldenser-Museum beheimatet ist, hatte zuvor zahlreiche Familiengeschichten rekonstruiert.
„Da das erste Kirchenbuch fehlt, war es uns bislang nicht möglich, die Historie aller Familien bis zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen“, sagt Lautenschläger, die auch in den eigenen Familienstammbaum tief eingestiegen ist. Ihr Mädchenname lautet Jayme; ein Name, der wie Griot, Guyot und Bonin immer wieder in den Büchern zu finden ist.
Bemerkenswert an der Geschichte der reformierten Glaubensbewegung ist, dass schon immer auch Frauen predigen durften. So war auch Carola Lautenschläger zunächst Lektorin, später Prädikantin. Heute darf sie das Wort nicht nur verlesen, sondern auch auslegen. Von großer Bedeutung ist die Bewahrung und Weitergabe der Waldensergeschichte an die folgenden Generationen. So gestalten die Konfirmanden stets im Februar das Freiheitsfest mit, bei dem ein Freudenfeuer entzündet wird. Die Erlöse aus den Festen werden für Fahrten nach Pragelato, den Ort des Aufbruchs, verwendet.
Schüler und Auszubildende erfuhren in Rohrbach bereits vieles über gelebte Integration, die Kerbburschen trugen 2006 einen Großteil zum Gelingen des Waldensertags in Rohrbach bei. Neben ihrem Engagement in der Jugend-, Senioren- und Frauenarbeit hält Carola Lautenschläger Vorträge, führt Gruppen über den Waldenserpfad, schreibt Artikel, wirkt bei der Gestaltung des Gemeindebriefs mit. 
„Ich sehe dies als Verpflichtung gegenüber meinen Vorfahren“, sagt sie. „Sie haben für ihren Glauben enorm viel auf sich genommen. Davor habe ich Hochachtung.“ (Claudia Stehle)

Ein Beitrag von Claudia Stehle für das Buch “Vielfalt hat Gesichter - Menschen in Darmstadt-Dieburg”, Hrsg. LAG im Standortmarkteting Darmstadt-Dieburg e.V., 2. Auflage 2017, ISBN 978-3-00-052844-6

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