Jochen Pollitt: Kino Weiterstadt und internationales Kurzfilmfestival
Carl-Ulrich-Straße 9, 64331 Weiterstadt
Jochen Pollitt hat durch sein jahrzehntelanges Engagement mit dafür gesorgt, dass das Weiterstädter Open-Air-Filmfestival in zu einem der renommierten internationalen cineastischen Events in Europa geworden ist.
„Ich bin seit meinem 14. Lebensjahr ein begeisterter Kinogänger“, beschreibt sich der 1954 in der Weiterstädter Bahnhofstraße geborene Pollitt selbst und erinnert sich noch an den ersten Film, den er damals im Kino gesehen hat: „Freddy, die Gitarre und das Meer“ mit dem legendären Freddy Quinn. Für den filmbegeisterten Jugendlichen, der vor allem von der Filmtechnik fasziniert war, begann damit die bislang lebenslange Beschäftigung mit dem Medium Film. „Ich habe mir damals einen eigenen Projektor für Super-8-Filme gekauft und so mein eigenes kleines Kino zu Hause geschaffen“, beschreibt er die Anfänge.
Da er auch eine Leidenschaft fürs Theater hatte und sein großer Bruder Hans-Jürgen eine Super-8-Kamera kaufte, begannen die beiden Brüder gemeinsam die eigene Filmproduktion. „Wir haben mit der Stopp-Trick-Technik dann auch Puppen-Trickfilme gedreht“, berichtet er. Mit seinen Filmabenden betrieb Pollitt, der sich damals auch beim Jugendrotkreuz in Weiterstadt engagierte, mit großem Erfolg Mitgliederwerbung für den Rotkreuz-Nachwuchs. Durch sein Engagement bei der Katholischen Kirchengemeinde im Rahmen des Wehrersatzdienstes baute er die Kinoveranstaltungen aus, unterstützt vom damaligen Pfarrer Klein. Einen eigenen Filmclub gab es damals schon bei der Evangelischen Kirchengemeinde und so war es 1974 nur ein kleiner Schritt zur Gründung des Ortsjugendrings mit einem Kommunalen Kino, in dem auch anspruchsvolle Filme gezeigt wurden. Möglich wurde diese Einrichtung durch den Bau des Bürgerzentrums in Weiterstadt Anfang der 1970er Jahre, als dort ein fester Raum für dieses Kino zur Verfügung stand.
„Damals gab es hier in Weiterstadt noch ein kommerzielles Kino, mit dem man zusammengearbeitet hat“, erinnert Pollitt an die Anfänge seines Kinos, das zunächst noch in seinem Raum mit einer mobilen Bestuhlung gearbeitet hat und neben der Kinofunktion auch für Musik- und Theateraufführungen genutzt wurde. Durch einen Grundwasserschaden wurde ein Umbau erforderlich, der dem Kino neben seinem Sternenhimmel und technischen Neuerungen wie der Digitalisierung auch die Originalbestuhlung aus einem Stuttgarter Kino brachte. „Wir haben das damals selbst geholt und hier eingebaut“, weist Pollitt stolz in die Runde der 73 Plätze. Er selbst hatte eine Lehre als Feinmechaniker absolviert. „Aber eigentlich habe ich immer nur Kino im Kopf gehabt“, gesteht Jochen Pollitt.
Im Grunde sei er gern kreativ und künstlerisch tätig, allerdings habe seine Farbenblindheit das Aus für ein weiteres eigenes künstlerisches Engagement auf diesem Sektor bedeutet. Doch fühlte er sich beruflich bei der Fernseh GmbH in Darmstadt gut aufgehoben, bei der er 42 Jahre lang aktiv war und auf diesem Weg Beruf und Hobby ganz gut unter einen Hut gebracht hat. Inzwischen ist die Fernseh GmbH Vergangenheit und Jochen Pollitt ist jetzt arbeitssuchend. Völlig ohne kreative Arbeit im Kinobereich ist er trotz der Farbenblindheit nicht geblieben. So hat er sich auf eine Reise mit dem Campingbus nach Indien begeben, die, wie er bedauert, durch einen Diebstahl abrupt zu Ende ging. „Aber ich habe darüber einen Film gedreht, ihn ein halbes Jahr lang geschnitten und mit indischer Musik und Rockmusik unterlegt“, beschreibt er den Werdegang des Films, den er auf Festivals gezeigt hat.
Durch seine häufigen Besuche auf Filmfestivals entstand bei Jochen Pollitt schließlich die Idee zu einer eigenen derartigen Veranstaltung, und die Idee zum Open-Air-Filmfest im Weiterstädter Tännchen war geboren. Inzwischen gibt es dieses besondere Kurzfilm-Festival seit fast vier Jahrzehnten. „Wir haben mittlerweile rund 2.500 Besucher pro Tag, das Fest ist wirklich zu einem Selbstläufer geworden“, freut sich der Ideengeber, der es vor allem begrüßt, dass sich hier auch junge Leute engagieren.
„Wir haben inzwischen rund 80 feste Helfer, die selbst wieder ihre eigenen Freunde als Helfer mit zu uns bringen. Das ist richtig faszinierend.“ Der Erfolg zeige sich auch in der zunehmenden Zahl der Filmeinreichungen. Inzwischen hat sich hier auch die moderne Filmtechnik durchgesetzt. „Wir haben keine 35-Millimeter-Filme mehr, sondern nur noch digitale Filme, die wir auf unserer Anlage aus dem Kommunalen Kino Weiterstadt zeigen.“ Anfänglich hätten vor allem Menschen aus Weiterstadt vom Filmfestival im Tännchen erfahren, doch inzwischen sei es zu einer festen Größe in der Region geworden. Mit Unterstützung der HSE werde sogar donnerstags bis sonntags während des Festivals ein kostenloser Shuttlebus vom Mathildenplatz in Darmstadt über den Hauptbahnhof direkt bis zum Festivalgelände am Tännchen angeboten.
Bei der 38. Auflage im Sommer 2014 trafen Bewerbungen aus über 80 Ländern ein, und insgesamt 206 Filme aus 32 Ländern schafften es ins Programm, darunter auch Preisträgerfilme der Berlinale und anderer internationaler Filmfestivals. Viele Filme erleben ihre Premiere hier, um von Weiterstadt aus die Welt zu erobern. Neben den internationalen Filmen sind es auch die internationalen Filmemacher, die die Besonderheit des Festivals nachdrücklich unterstreichen. Pollitt ist froh und dankbar dafür, dass inzwischen eine Reihe von Sponsoren das Fest unterstützen. Neben Firmen sind dies vor allem das Hessische Ministerium für Kunst und Wissenschaft, die Hessische Filmförderung und die Stadt Weiterstadt.
Jochen Pollitt, der mehrfach für sein Engagement ausgezeichnet wurde und 2012 den Ehren-Filmhirsch verliehen bekam, freut sich über die Anerkennung nicht nur für sich, sondern auch für das von ihm initiierte Kommunale Kino Weiterstadt, das bereits 13 Mal mit dem Hessischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. „Wir legen bei unserer programmatischen Arbeit den Schwerpunkt auf die Kooperation mit gesellschaftlichen Gruppen“, erläutert er. So gibt es eine Zusammenarbeit mit den Schwulen und Lesben in der Region. Darüber hinaus werden Musikfilmwochen im Kommunalen Kino angeboten oder die Lateinamerikanische Filmwochen. Zudem beteiligt sich das Kommunale Kino an den Hessischen Schulkinowochen, kooperiert mit Vereinen und engagiert sich auch im Bereich des Behindertensports. „Ich bin vom Sternzeichen her ein Stier und da kann ich einfach meinen Kopf nicht in den Sand stecken wie der sprichwörtliche Vogel Strauß“, umschreibt Jochen Pollitt den Antrieb für sein langes und außergewöhnliches Engagement. (Claudia Stehle)
Ein Beitrag von Claudia Stehle für das Buch “Vielfalt hat Gesichter - Menschen in Darmstadt-Dieburg”, Hrsg. LAG im Standortmarkteting Darmstadt-Dieburg e.V., 2. Auflage 2017, ISBN 978-3-00-052844-6
Anfang 2026 verstarb Jochen Pollitt nach schwerer Krankheit.
Kommunales Kino Weiterstadt
Carl-Ulrich-Straße 9, 64431 Weiterstadt
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Carl-Ulrich-Straße 9, 64331 Weiterstadt
Im Januar und Februar 2026 bleibt das Kommunale Kino Weiterstadt geschlossen. Grund ist, dass saniert und der Betrieb neu strukturiert werden müssen. Das Kino wurde vor mehr als 40 Jahren in Weiterstadt gegründet, ein kleines, gemütliches Kino mit 73 Sitzplätzen im Keller des Bürgerzentrums im Zentrum von Weiterstadt.
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